Meggen, 30. Mai 2019

 

Interview mit Diane Gerth zur Europäische Nachhaltigkeitswoche EDSW

 

«Die Jungen lesen Leitbilder – und sie fragen nach!»

 

Mit fairem Baumwollanbau und menschenwürdiger Fabrikarbeit fing es an: Diane Gerth ist bei NeumannZanetti & Partner im Lösungs- und Entwicklungsteam und Expertin für Nachhaltigkeit. Und sie weiss, warum die ideellen Werte eines Unternehmens auch in der reichen Schweiz an Bedeutung gewinnen.  

 
 

Als ausgebildete Textilmanagerin stammst Du aus der Modebranche: Aus der Glitzerwelt von Konsum und schönem Schein. Bei NeumannZanetti & Partner bist unter anderem die Nachhaltigkeitsexpertin – wie geht das zusammen?

Diane Gerth: (Lacht) ...mein Lebenslauf zeigt, dass ich schnell gemerkt habe, dass sich die Modewelt nicht mit meinen Werten vereinbaren lässt: Ich reiste als Einkäuferin in 18 Tagen um die Welt und landete in Bangladesh, wo die Produktion mit Abstand am billigsten war.
Zu meinem Glück war Michael Otto, damals der Vorstandsvorsitzende der Otto Group, für die ich im strategischen Marketing arbeitete, sehr früh mit dem Thema Nachhaltigkeit unterwegs. Er wollte die Verhältnisse an den Produktionsstandorten verbessern, als das noch kein Trend war.

 

Und wie ging das vor sich?

Ehrlich gesagt hatte Otto mit seiner nachhaltigen Mode zunächst Null Erfolg: Die Kunden haben nicht verstanden, was das sein sollte. «Nachhaltigkeit» war weder chic noch «in» zu dieser Zeit. Man sah keinen  Unterschied zwischen einem Bio- und einem normalen Baumwoll-TShirt.

 

 
 

Warum hat sich das geändert?

Wir erkannten, dass wir Transparenz schaffen mussten; dass wir die Menschen «mitnehmen» mussten an die Produktionsstandorte und ihnen zeigen, was faire Bedingungen bedeuten. Damals hatte man in Europa von den Arbeitsbedingungen in Ländern wie Bangladesh keine Vorstellung. Wir reden von Zugang zu Trinkwasser, von Sechstagewoche und Notausgängen. 

 

Das ist insofern paradox, als wir heute glauben, die Konsumenten zwängen die Unternehmen zur Nachhaltigkeit.

Das stimmt teils auch, aber als Voraussetzung braucht es zuerst ein entsprechendes Angebot. Wir mussten damals die Konsumenten, aber auch die Partner und Lieferanten überhaupt erst sensibilisieren. Das war nicht so einfach – einmal hat man uns die Einreise nach Bangladesh schlicht verweigert. Das ist  im Zeitalter des Internet, wo wir eine Fabrik virtuell besichtigen können, unvorstellbar.  

 

  

«In den Risk-Management-Abteilungen ist die Nachhaltigkeit der Lieferkette ein Riesenthema.»

 

Warum auch soll sich ein Manager dafür interessieren? Die Produktionsumstände gehen ihn nichts an.  

Dem würde ich widersprechen: Viele Unternehmen haben erkannt, dass sie den Rohstoffmarkt pflegen und die Qualität aktiv fördern müssen. Das geht über einen Trend oder Greenwashing weit hinaus: In den Risk-Managegement-Abteilungen  ist das Thema Nachhaltigkeit in der Lieferkette ein Riesenthema.

 

Nachhaltigkeit als wirtschaftliche Notwendigkeit?

Absolut. Qualität entsteht nur unter guten Arbeitsbedingungen. In der Textilindustrie und bei Lebensmitteln, inzwischen auch bei Diamanten, sind deswegen Herkunftszertifikate eingeführt worden. Mit steigender Nachfrage wird die Qualitätssicherung schwieriger. Für eine gute Schokolade braucht man nun mal eine sehr hohe Qualität an Kakaobohnen: Aber wenn der Mittelstand in Indien und China Schokolade für sich entdeckt, ändern sich die Fragestellungen auf den Rohstoffmärkten rasch. Wer da nur auf den Gewinn schaut, vernachlässigt zwangsläufig den Qualitätsaspekt.

 

Haben das die Manager verstanden?

Nachhaltigkeit  war schon immer ein Bedürfnis. Wir haben auf Partnersuche für unser Nachhaltigkeitsmanagement schon vor 25 Jahren festgestellt, dass viele Unternehmer aktiv werden wollten, aber einfach nicht wussten, wie und wo anfangen.

 

Wo soll ein Unternehmer denn anfangen?

Am einfachsten schaut man direkt in seine Wertschöpfungskette: Dort hat jedes Unternehmen Einblick in die Produktionsbedingungen – und die Einflussmöglichkeiten, um etwas daran zu verbessern.

 

Das Wort Freude spielt in deinem Wortschatz eine prominente Rolle. «Nachhaltigkeit» verbinden wir mit Verzicht – kann sie Freude bereiten?

Den meisten Leuten, egal in welcher Funktion oder Hierarchiestufe, sind Menschen wichtig. Jeder CEO und jede Managerin hat ein Herz. Die Freude kommt auf, wenn sie spüren, dass die Menschen gerne zu ihrem Arbeitsplatz gehen: Das ist in der Schweiz so, und es ist in Vietnam oder eben in Bangladesch nicht anders.

 

Nach der Aufbauarbeit bei der Otto Group  wurdest Du von der Zuger Remei angeworben. Hier ist Nachhaltigkeit nicht Teil der Marke – sie IST die Marke.

Michael Otto war beim WWF engagiert und hatte in Afrika gesehen, wie die Baumwollbauern immer ärmer und wir Europäer immer reicher wurden, das wollte er ändern. Remei-Gründer Patrick Hohmann ist ein Pionier in diesem Bereich. Ich lernte ihn kennen, weil ich bei der Otto Group «Cotton made in Africa» aufbaute und wir Patrick Hohmann in den Stiftungsrat holten.

 

Bei Remei warst Du in einem Geschäftsumfeld, das auf Nachhaltigkeit aufbaut. Was aber sollen Unternehmen machen, die sich mit Preiskämpfen und Konsumlaunen herumschlagen müssen?

Auch Remei führt Preisverhandlungen und muss rentabel sein. Die Frage ist, was eine Marke ausmacht: Ein möglichst hoher Gewinn? Oder ihr Einfluss auf Konsumenten und Mitarbeitende inklusive jene in den Zulieferbetrieben? Muss ich zweistellige Renditen erwirtschaften, oder reicht mir eine einstellige – und der Nachweis einer durchgehend sozial und ökologisch verträglichen Produktion bis zu den Bauernfamilien in Indien und Tansania?

 

...also eine breitere Gewinnverteilung.

Ganz genau: Der Mehrwert kommt allen an der Wertschöpfung Beteiligten zugute. Ich sehe inzwischen zu meiner Freude, dass auch Aktionäre anfangen, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen, selbst wenn das die Gewinne ihres Unternehmens schmälert. Schliesslich hängt der Aktienwert an mehr Faktoren als nur am Profit. Die gelebten Werte einer Unternehmung sind inzwischen von eminenter Bedeutung, und das nicht zuletzt im Kampf um die besten Mitarbeitenden.

 

 
 

«Die Werte eines Unternehmens gewinnen an Bedeutung – auch im Kampf um Mitarbeitende.»

  

Nachhaltigkeit als Thema im Arbeitsmarkt?

Absolut. Und das gerade in der Schweiz, wo Vollbeschäftigung herrscht. Ich merke das inzwischen bei Beratungen mit der jüngeren Generation: Die lesen nicht nur das Leitbild einer Unternehmung, die fragen auch nach, ob es gelebt wird.

 

Du warst viel geschäftlich auf Reisen, du lebst als Deutsche in der Schweiz: Was haben Kultur und Nachhaltigkeit miteinander zu tun?

Jede Kultur hat ihre Identität, es ist wichtig, sie zu respektieren. Veränderung findet durch Dialog statt. Das braucht Platz für verschiedene Meinungen und einen respektvollen Austausch. In der Türkei zum Beispiel mussten wir extrem viel Tee trinken, bis die Leute anfingen zu verstehen, weshalb wir uns für die Gewässer in ihrem Land interessierten. Um eine Veränderung herbeizuführen, braucht es Zeit: Man kann nicht von einem Tag auf den anderen alles umkrempeln. Man muss einen Prozess starten, was mit Fragen anfängt: Wieso arbeitet ihr sieben Tage pro Woche? Die Antworten zeigen, dass es sich um Traditionen handelt, die man nicht einfach abschalten kann – aber man kann mit den Menschen zusammen darüber nachdenken, ob und wie man sie verändern soll.  Ob in Asien oder bei uns in der Schweiz.

 

 

Dianes Nachhaltigkeits-Tipps für Schweizer KMU

Quick Wins: Nehmen Sie die Wertschöpfungskette, namentlich auch Produktionsstandorte im Ausland, genau unter die Lupe: Wo gibt es die grössten Verbesserungsmöglichkeiten – bei geringstem Aufwand? 

Vor Ort: Überlegen Sie sich, welchen Standard sie an den verschiedenen Orten mindestens haben wollen. Fragen Sie nach, wie es damit aussieht: Allein schon das Interesse für die Produktionsumstände vor Ort öffnet den Dialog, denn die Lieferanten werden sich sofort bewusst, dass sich der Kunde für mehr als nur Preis und Qualität interessiert.

Daheim: Untersuchen Sie die Möglichkeiten für die Nachhaltigkeit hier in der Schweiz. Das fängt an bei der Beschaffung des Büromaterials: Ist es nachhaltig produziert? Stammt es von lokalen Anbietern? Beziehen Sie die Mitarbeitenden ein, sammeln Sie Ideen, auch im Umgang mit Energie, Ressourcen und der Zeit der Mitarbeitenden. Bestimmen Sie einen Nachhaltigkeitsmanager, der Spass daran hat, neue Möglichkeiten zu finden und alte in Gang zu halten. Und das darf gerne auch mal ein Lernender sein – Nachhaltigkeit ist inzwischen ein Fach in vielen Berufsausbildungen!

Zielgerichtet: Schauen Sie sich die 17 Nachhaltigkeits-Zielsetzungen der UNO im Rahmen der Europäischen Nachhaltigkeitswoche (ESDW) an und überlegen Sie für jedes einzelne, welchen Beiträge Ihre Unternehmung leisten kann.

 
 

Nun findet Europaweit die Nachhaltigkeitswoche statt – wie sinnvoll sind solche Grossanlässen?

Es ist wichtig, dass man sich inspirieren lassen kann von dem, was andere machen. Oder man nimmt die EDSW einfach mal zum Anlass, um zu reflektieren, was man selber tun könnte. 

 

 

«Es gibt bei uns genug Junge, denen diese Arbeitswelt auch nicht behagt.»

 

«Kein Hunger», «Sauberes Wasser», «Gute Bildung», «Keine Diskriminierung»:  Man ist versucht zu behaupten, die 17 Ziele seien  in der Schweiz weitgehend erfüllt...

Warum sollten wir uns nicht auch einmal an dem erfreuen, was wir erreicht haben? Positive Resultate motivieren!

Aber wenn man den Massstab anpasst, findet man auch bei uns Verbesserungspotential. Im Rahmen der Digitalisierung, im Zusammenhang mit Gesundheit und Menschenwürde geht es auch in der Schweiz nicht allen gleich gut. Wenn es in Entwicklungsländern um die Einführung der Sechstagewoche geht, könnten wir uns fragen, wie menschenwürdig es ist, 24stündige Erreichbarkeit zu erwarten.  Oder Menschen, die dreissig, vierzig Jahre lang an einem festen Arbeitsplatz gearbeitet haben, die Anonymität der trendigen «Shared Desks» zuzumuten. Unbehagen und Angst ist dabei keineswegs nur ein Problem älterer Menschen. Es gibt genug Junge, denen diese Arbeitswelt nicht behagt.

Und von etlichen Zielen sind wir noch weit entfernt. Lebenslanges Lernen etwa geht auch die hochentwickelte Schweiz an. Hier sollten alle die Möglichkeit und die Unterstützung erhalten, sich zu fragen, was sie besonders gut können und sich dann darauf weiterzubilden. Das ist der Weg vom «Know How» zum «Do How», vom Fordern zum Fördern. Klimaschutz ist ein wichtiges Thema, und dort kann man im Kleinen anfangen. Die Schule unserer  Kinder zum Beispiel hat am Mittagstisch wöchentlich einerseits einen fleischlosen Tag und ein Solidaritätsessen Tag, an dem es ein sehr einfaches Gericht gibt, und die Einsparungen einem Sozialen Zweck zugeführt werden.

 

Wenn Du einen Wunsch frei hättest, um die Nachhaltigkeit bei uns zu fördern, welcher wäre es?

Dass sich alle wirklich füreinander interessieren und sich dafür einsetzen, dass es allen gut geht: Wir sollten uns mehr für andere Menschen freuen können.  Dann kommt die Nachhaltigkeit von selbst.

 

 

 

Interview von Peter Sennhauser, Swissreporter GmbH