Jetzt sind Sie dran

 
 

Schreiben Sie gerne? Dann machen Sie mit. Ich habe eine Geschichte mit dem Weekly Empowerment Innovationsletter No. 936  lanciert und angefangen, die Sie weiterschreiben können. Hier die Spielregeln:

 

  • Sie schreiben die Fortsetzung der Geschichte (300 – 500 Wörter bzw. 2000 – 3500 Zeichen).
  • Senden Sie Ihre Fortsetzung der Geschichte bis 30. Juni ein – wir wählen eine davon aus.
  • Ich (Jörg) schreibe dann das nächste Kapitel und im Herbst folgen zwei weitere «Etappen». Für diese formuliere ich dann die Aufgabenstellungen.
  • Bitte beachten – die Geschichte wird erst auf Ende 2019 zu Ende geschrieben, lassen Sie das Ende also jeweils offen.
  • Wer schreibt, wird belohnt. Im Januar 2020 organisiere ich eine Schreibwerkstatt, die ihren Namen verdient hat. Alle Autoren, deren Text ausgewählt wurde, werden eingeladen - und unter allen anderen verlosen wir auch einige Plätze.

 

Schon jetzt vielen Dank für Ihren Einsatz.

 

Herzliche und schreibfreudige Grüsse aus Meggen

Jörg Neumann

 

 

 

 

 
 

Teil 1

 

«Diese rücksichtslose Art hat man Dir früher schon angemerkt!» Dieser Satz veränderte einen ganzen Abend. Natürlich hatte er eine Vorgeschichte, in diesem Fall sogar eine 24jährige. Er fiel im Speisesaal des Hotels Bergsonne; im kleinen Sääli mit den breiten Fenstern, die einen gewaltigen Blick in die Berge frei gaben. Und alle waren sich später einig – er fiel mindestens eine Stunde zu früh.

 

Den ganzen Tag über war es schön gewesen, sehr schön sogar. Der Herbst hatte einen fulminanten Tag geboten, bis Mittag mit starkem Föhn, der dann langsam nachliess und dank dem es einer jener gelbgoldenen Tage wurde, die eine glücklich machende, sanfte Stimmung schufen. Einer jener Tage, die dem Wein unten am Seeufer nochmals richtig Kraft schenken. 24° Celsius zeigte das Thermometer am See noch gegen Abend an – 20,1 Grad waren es immerhin noch auf 1510 m Höhe. Wein war übrigens reichlich geflossen – doch lieber der Reihe nach.

 

Gesagt hatte ihn Marc, 42, und genau deshalb veränderte er alles. Denn Marc war immer korrekt und hilfsbereit, schon früher. Er war in der Clique nie laut geworden. Marc sagte den Satz mit einer solchen Verve, dass die Tischgesellschaft mit einem Schlag verstummte. Seine zurückhaltende Art war ihm früher immer ein wenig unangenehm gewesen, doch davon war jetzt nichts übrig. Sein Satz, es war vielmehr ein Ausruf, bedeutete den Auftakt zu einem sagenhaften Streit; einem so einschneidenden Streit, wie die Beteiligten ihn lange nicht mehr erlebt hatten.

 

«Ich meine jedes Wort genau so, wie ich es gesagt habe!», doppelte er nach. Isabelle, die Adressatin, hatte zunächst noch gegrinst, denn nach knapp einer Flasche Wein war sie noch härter im Nehmen als sonst. Doch als Marc jetzt nachdoppelte, verging ihr das Lachen. «Was soll das ganze Gequatsche über Führen, über Sozialkompetenz, über Neid und Banken und über Gerechtigkeit?!», rief er in die Runde. «Wir haben uns schliesslich getroffen, um über alte Zeiten zu plaudern – und nicht um uns das Jammern solcher verwöhnter und dreister Moral-Apostel anzuhören!»

 

Irgendetwas musste ihn tief getroffen haben. Irgendetwas musste in den letzten 24 Jahren, seitdem sie die Schule verlassen hatten, passiert sein, dass Isabelle ihn - vielleicht ohne, dass sie es ahnte - mit ihrer direkten und zugespitzten Art erniedrigt hatte. Ihr Ausbruch war nur noch eine Frage von Sekundenbruchteilen. Am Tisch herrschte Entsetzen, Unsicherheit und Stille zugleich …

 

Jörg Neumann

 

 

 
 

Teil 2, Januar 2019

 

Auf die Volljährigkeit mussten wir 1994 ja noch zwei Jahre warten. Freiheit hiess für uns junge Männer damals, endlich reif für den Führerschein zu sein, während sich die Mädels anschickten, die Welt verändern zu wollen. «Emanzipation» hiess der Schlachtruf der neuen Weiblichkeit, war aber gleichzeitig ein Schimpfwort und jeder von uns hatte in paar Witze zu diesem Thema auf Lager, für die man heute auf dem Scheiterhaufen der Social Media landen würde. Isabelle tat sich besonders kämpferisch hervor. Sie stammte aus wohlhabenden Verhältnissen und wuchs in einer Welt auf, die für uns fremd war. Man zeigte seinen Reichtum zwar nicht, aber allein die Uhr an ihrem Handgelenk musste mehr Wert sein, als ein durchschnittlicher Angestellter in ein paar Monaten verdiente. Wenn sie wenigstens hässlich gewesen wäre, hätte das unseren Sinn für Gerechtigkeit vielleicht besänftigt, aber auch in dieser Hinsicht hatte sie ein gutes Los gezogen. Zu ihrer leicht überragenden Grösse, ihrer sportlichen Figur und einem auffällig hübschen Gesicht gesellte sich ein einnehmendes Lächeln und ein umwerfender Charme, den sie gewandt einzusetzen wusste. Sie war auch alles andere als dumm. Im Gegenteil. Zwar reichte es ihr nicht zur Klassenbesten, aber wenn sie etwas zu sagen hatte, strahlte sie eine Überlegenheit aus, dass es stets seltsam ruhig wurde im Klassenzimmer.

 

Aber Isabelle war einsam. Gerade weil das Schicksal es so gut mit ihr gemeint hatte, klaffte eine schier unüberwindbare Lücke zwischen uns Durchschnittsmenschen und ihr. Sie scharte zwar stets eine Gruppe um sich, aber ihre Bewunderer wollten sich nur in ihrem Glanz sonnen und kaum einer wagte, ihr wirklich nahe zu kommen oder zu widersprechen.

 

Marc war in vielerlei Hinsicht das pure Gegenteil. Sein Vater war Gleisarbeiter bei den SBB, arbeitete meist nachts und die Mutter war Hausfrau. Er wuchs als Ältester mit vier Geschwistern in einer Dreizimmerwohnung auf und hatte schon früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und mit Wenig im Leben auszukommen. Es fehlte zwar an nichts Lebensnotwendigem, aber mehr lag kaum je drin. Vielleicht hatte das seinen Ehrgeiz geweckt und ihn in seinen schulischen und sportlichen Leistungen beflügelt. Wenn man ihn nach seinen Zielen fragte, lachte er stets und gab an, eine reiche Frau heiraten zu wollen, aber das war gleichzeitig nicht ansatzweise eine realistische Vision. Wer hätte sich schon nach ihm umdrehen sollen, wo er doch einen halben Kopf kleiner war als seine Kumpels und dazu noch viel zu kurze Beine hatte. Ein Strahlemann war er auch sonst nicht. In seiner zurückhaltenden Art wurde er oft schlicht übersehen.

 

Marc konnte sich der Faszination für Isabelle genau so wenig entziehen wie seine Kumpels, aber diese junge Frau spielte meilenweit in einer anderen Liga und er verschwendete keinen Gedanken daran, ob er nur den Hauch einer Chance bei ihr hatte. Es erfüllte ihn deshalb mehr mit Angst, dass sich Isabelle plötzlich sehr herzlich für ihn zu interessieren begann.

 

Es geschah an einer Geburtstagsparty. Die Stimmung war ausgelassen und es standen schon etliche leere Flaschen herum, als Marc eine zarte Berührung an seiner Hand verspürte. Als er aufsah, blickte er direkt in Isabelles Augen und er erkannte eine Note in ihrem Lächeln, die er vorher noch nie gesehen hatte. Sie hatte leichtes Spiel, ihn in diesem grossen Haus in ein leeres Zimmer zu entführen und dann brach aus beiden eine Leidenschaft heraus, die keine Grenzen kannte.

 

Die Nacht blieb nicht ohne Folgen und Marc erfuhr Monate später, dass Isabelle mithilfe ihres Frauenarztes ihr weibliches Recht auf Selbstbestimmung durchgesetzt hatte. Dabei war es auch Marcs Kind gewesen. Befremdet musste er zur Kenntnis nehmen, dass er einer der Letzten war, der diese Geschichte erfuhr.

 

Im Hotel Bergsonne hatte Isabelle Stocker, frisch gebackene Ständerätin des Kantons Schwyz, soeben ihre Ansprache beendet. Thema war Nelson Mandela, der 1994 erster schwarzafrikanischer Präsident Südafrikas geworden war und seither das grosse Vorbild von Isabelle in Sachen Gleichberechtigung war…

 

Matthias Ph. Gnehm

 

 
 

Und jetzt sind Sie dran.

Wie die Geschichte weiter geht, bestimmen Sie. Ich bin jetzt schon gespannt. Einsendeschuluss für den nächsten Teil ist der 30. Juni  2019.

 

Jörg Neumann